Unterwegs mit SCORE

THeater am Ende von Katutura

Ich bin mit der Hilfsorganisation SCORE unterwegs. SCORE veranstaltet normalerweise Fußball-Trainings: Better Life Through Sports ist deren Motto.
Sie sind offen für meinen Theaterworkshop und Koordinatorin Hulda hat für mich eine Halle in der Dr. Frans Aupo Indongo School in Okahandja Park organisiert. Sie ist ein Energiebündel und redet auf mich ein, erwähnt am Telefon etwas von sechzig Kindern. Was?! Na gut, irgendwie schaff ich das schon.
 Als wir am Montag mit dem Taxi losfahren, weiß ich noch nicht, wohin die Reise gehen wird. Irgendwo in Katutura- im Internet konnte ich die Schule nicht finden. Als Hulda den Fahrer fragt, ob er mit seinem Auto auf einer Schotterstraße fahren kann, stutze ich: Schotterpiste?
Bevor wir losgefahren sind, haben wir noch schnell Toast, Butter und Marmelade für Sandwiches besorgt. Die Kids sollen nicht mit leerem Magen am Workshop teilnehmen. Wir fahren nach Katutura. Tief in den Stadtteil hinein, vorbei an den Single Quaters, dem Fleischmarkt, Richtung der Hügel in der Ferne. Die soliden Häuser verschwinden, ein Tal aus Blechhütten öffnet sich unserem Blick. Das Taxi fährt weiter. Eine Schotterstraße, daneben Wellblechhütten auf sandig roter Erde gebaut. Die Schule befindet sich am Ende der Straße. Hier geht es nicht weiter, es wirkt wie das Ende der Welt. Hügel und Blechhütten markieren den Horizont.
In der Küche der Schule schmieren wir Marmeladen-Sandwiches. Dann geht`s in die Halle, ein großer Raum mit einer Bühne. Endlich eine Bühne. Diese ist allerdings mit Gerümpel vollgestellt und staubig. Die Volunteers von SCORE versprechen, die Bühne am nächsten Tag zu räumen.
Und: Ich habe “nur“ vierzig Kinder im Workshop.
Die Kinder bekommen Lunch und sogleich fällt mir auf, dass die Kids ruhiger sind, im Vergleich zu den Kids im BNC. Keiner zieht an meinen Haaren, alle essen in moderater Lautstärke ihre Sandwiches. Dann geht’s los. Ich teile die Kinder in zwei Gruppen ein, Gruppe Zwei spielt mit SCORE im Pausenhof, während Gruppe Eins in der Halle mit Theaterübungen anfängt. Die Kids sind sehr aufmerksam und interessiert. Ich veranstalte Kennenlern-Spiele und gemeinsam erörtern wir Fragen wie: Was ist der Job eines Schauspielers? Was ist Theater? Später improvisieren wir in Zweiergruppen. Erstmal spielt jeder die Rolle seines Spielpartners, schlüpft in dessen Schuhe, was eine bewährte Übung ist, um ein Gespür für sein Gegenüber zu bekommen. Danach zieht jeder eine Karte mit einer Rolle. Eines der Kinder hat das Kärtchen mit dem Astronauten bekommen, weiß aber nicht was das sein soll. Das selbe mit der Alien-Karte. Keiner weiß, was ein Alien ist. Okay, am Ende spielen die Kids einfach eine Rolle, die sie mögen. Ingenieur, Pirat und Pilot stehen bei den Jungs an. Die Mädels spielen Farmer oder Fee.
Der erste Tag verläuft super, da die Kinder ihr Bestes geben, manche sind schüchtern, aber bis Mitte der Woche, ist das überwunden. Und die Bühne ist frei! Ich bin glücklich und inspiriert, ein Theaterworkshop mit Bühne, was wünscht man sich mehr. Auch die Kids spüren, was es für einen Unterschied macht, auf den Brettern die die Welt bedeuten zu stehen und in ein Publikum zu blicken. Die Volunteers von sind zuverlässig, Hulda die Koordinatorin ist ein sehr wach und offen. Sie erzählt mir, dass es oft hart ist, den Eltern die Notwendigkeit von Sport zu erklären. Denn manche der Eltern, hätten in ihrem Leben nie Freizeit gehabt und verstehen nicht, warum ihr Kind nachmittags Fußballtraining oder Schauspiel haben soll, wenn es genauso gut arbeiten könne. Es fehle oft das Bewusstsein für Freizeitgestaltung. Hulda arbeitet schon jahrelang für SCORE und weiß, wovon sie spricht.


Die tägliche Reise
Mit dem Taxi fahren wir jeden Tag 30 bis 40 Minuten nach Okahandja Park. Es kommt mir vor wie eine Reise, ein Reise zwischen zwei Welten. Die Schüler leben teilweise in Haushalten mit Außen-Badezimmer (Ein Bretterverschlag mit Plastikwasserschüssel.) Strom haben auch nicht alle Zuhause. Die Wellblechhütten (Metalhouse – sagt Hulda dazu, die auch in solch einem wohnt). Sind auf Sand gebaut. Während der Woche erschöpfen mich die ganzen Eindrücke. Fast kommt es mir vor, als befinde ich mich in einem Dorf. Hühner gackern in Müllhäufchen und Fleischstücke hängen an einer Leine zum Trocknen.
Es gibt keine Grauzone zwischen Hier und Dort, zwischen Arm und Reich.
Komme ich zurück nach Eros, das Viertel in dem ich wohne, brauche ich erst einmal eine Pause. Sand haftet an meinen Sandalen. Ich laufe in den Supermarkt, alles ist sauber und ordentlich. Ich wasche meine Wäsche in einer Waschmaschine- in Okahandja Park sehe ich täglich Frauen Wäsche waschen; von Hand.
Diese Kontraste muss ich verarbeiten. Ich versuche mich nicht von Emotionen fortschwemmen zu lassen, denn Okhandja Park ist Realität. Was wird mein Mitgefühl ändern? Seltsam ist es aber schon. Ich komme in meine Wohnung, voller Eindrücke aus der Schule und die Fahrt durch Okahanja Park, finde eine Sprachnachricht einer Freundin auf meinem Handy: Sie hat Männerprobleme und braucht einen Rat. Im Moment erscheinen mir ihre Fragen, und auch meine eigenen persönlichen Befindlichkeiten, unwichtig und fern. Von denen will ich gerade nichts wissen, ich sitze erstmal einfach nur auf der Terrasse, schaue auf die Mansions in den Hügeln meiner Nachbarschaft und überlege, wie ich mit diesen zwei Kontrasten umgehen soll. Arm und Reich. Und mit meinen Emotionen?
Armut- dafür gibt es viele Gründe. Fakt ist, Namibia ist ein reiches Land. Diamanten, Uran und andere Bodenschätze, Gelder aus der deutschen Entwicklungshilfe und, und, und... Die Regierung ist wohlhabend. Wie kann es dann sein, dass Menschen so leben wie in Okahandja Park?
Die Einstellung der Leute dort ist unerschütterlich. Life goes on- das liest man an vielen Wänden in Katutura- aufgesprayt als Erinnerung oder ermahnung.
Das Leben geht weiter- immer.
Auf den ersten Blick wirken die Menschen fröhlich- keiner steckt den Kopf in den Sand, auch wenn letzterer in Hülle und Fülle vorhanden wäre. Lachen oder weinen- und hier wird gelacht, auch wenn es nichts zu lachen gibt. Lachen ist heilend, auch befreiend- für einen Moment.
Als Europäer neigt man dazu, dieses afrikanische Lachen falsch zu deuten…Die Afrikaner sind immer so fröhlich, denkt man. Aber schau Mal hinter die Fassade. Seltsam ist aber auch, dass wir in Deutschland oft wenig lächeln, hätten wir doch allen Grund dazu, oder?
Ich beschließe immer wieder eine Balance in meinen Gefühlen zu finden und meine Theaterarbeit zu machen, dafür bin ich schließlich hier.

Bühne frei!

Mitte der Woche begleitet mich meine Freundin Teresia, die Schauspiel an der Universität von Namibia studiert. Sie bringt neue Übung mit und die Kids freuen sich, auch ich lerne noch etwas von ihr. Wir planen eine kleine „Show“ für Freitag. Gruppe eins wird Gruppe zwei die Improszenen vorspielen, die wir einstudiert haben. Einer meiner Favoriten: Ein Mädel, das einen Printer (Inhaber eines Druckerladens) spielt. Sie ist schüchtern, blüht aber während des Spiels auf und besitzt großes komödiantisches Talent. Sie fällt kein einziges Mal aus ihrer Rolle, auch wenn das Publikum lacht.
Klar, dass sich der Alltag der Kids in den Szenen wiederspiegelt. Da wird in der Sheeben (Bar) getrunken bevor man Geschäfte macht, ein Mädchen wird überfallen und ihres Geldes beraubt, aber die Jungs entschuldigen sich am Ende bei ihr. Eine andere Szene zeigt eine Autopanne, und der Mechaniker verlangt ziemlich viel Geld, ohne Wenn und Aber. 
Die „Show“ am Freitag ist ein Erfolg. Die Kinder sind aufmerksam, geben ihr Bestes, sind konzentriert und die Kids, die zuschauen sind ruhig. Ich fiebere mit, vorallem mit den eher schüchternen Kindern, die es letztendlich schaffen, aus sich heraus zu gehen.
Zwei der Volunteers organisierten trommeln und begleiten den Anfang jeder Szene mit Trommelwirbel. Am Ende der „Show“ tanzen ein paar Mädels zu den Trommeln und alle sind happy. Hulda hält eine Abschlussrede und zwei der Kinder kommen stellvertretend für die Gruppe auf die Bühne, um sich bei „Miss Elke“ für den Workshop und den täglichen Lunch zu bedanken.
Der letzte Tag - und ich fühle mich traurig, jetzt Abschied zu nehmen. Gerade habe ich mich hier „eingelebt“ und kann auch mit den vielen Eindrücken umgehen.
Eine Theater-AG gibt es an der Schule nicht. Geschweige denn Musik oder sonstige Aktivitäten. Ich nehme mir vor, wiederzukommen.

 

 

 


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